Die Urgeschichte des Bernhardsthaler Raumes

Autor: JOHANNES-WOLFGANG NEUGEBAUER

Die Urgeschichte umfasst den Zeitraum vom ersten Nachweis des Menschen (früher nahm man 600.000 v. Chr. als Richtwert an, heute rechnet man mit 1,000.000-3,000.000 v. Chr. im afrikanisch-asiatischen Raum; bei uns etwa 100.000 v. Chr.) bis zum Beginn schriftlicher Nachrichten. Durch die Eroberung des Alpenraumes um 15 v. Chr. durch die Römer wird auch unsere Heimat in den Bereich der geschriebenen Geschichte miteinbezogen. Den etwa 2000 Jahren literaler Geschichte steht der ungeheure Zeitraum ohne Schrift, eben der Urgeschichte, gegenüber. Die Quellen der Urgeschichtsforschung sind daher nicht schriftlicher, sondern dinglicher Art. Das heißt, die zufällig gemachten Funde, bzw. besser die bei systematisch durchgeführten Ausgrabungen gut beobachtet erschlossenen Gegenstände (Siedlungs- oder Grabfunde) müssen in einem Indizienverfahren helfen, die Ereignisgeschichte der Urzeit zu rekonstruieren. Aber auch später noch, etwa in der Römischen Kaiserzeit oder in der Frühgeschichte, bleibt die Spatenforschung eine notwendige Hilfswissenschaft.

Die Urgeschichte wird üblicherweise nach den Hauptwerkstoffen in drei Perioden gegliedert, in die Steinzeit, die Bronzezeit und die Eisenzeit. Das sind aber bloß ganz allgemeine Begriffe, die etwa der Antike, dem Mittelalter und der Neuzeit entsprechen. Die Forschung hat sich demnach bemüht, weitere Unterteilungen zu treffen, und zwar in eine Alt- und Jungsteinzeit, in eine Frühe, Mittlere und Späte Bronzezeit und eine Ältere und jüngere Eisenzeit. Innerhalb dieser Abschnitte können dann noch regionale Kulturen unterschieden werden, die zumeist nach einem wichtigen Fundort benannt werden (so etwa der Nordosten Niederösterreichs in der Älteren Eisenzeit nach Bernhardsthal). Bevor wir nun die einzelnen Kapitel der Urgeschichte anhand der Bestände des Heimatmuseums kennen lernen wollen, soll noch ein Blick auf die Geschichte der Urgeschichtsforschung in Bernhardsthal geworfen werden.

Der erste, der im Weinviertel und auch in Bernhardsthal schon zu Beginn des letzten Drittels des vorigen Jahrhunderts systematische Forschungen und ebenfalls größere Grabungen durchführte, war Dr. Matthäus Much, der völlig zu Recht als „der Vater der österreichischen Urgeschichtsforschung” bezeichnet wird. Es ist daher kein Zufall, dass er die großen hallstattzeitlichen Hügelgräber von Bernhardsthal („Drei Berge”) und Rabensburg (auf dem westlichsten Hügel steht eine Dreifaltigkeitskapelle mit der Inschrift: „Der Verehrung Gottes und dem Andenken der Vorzeit”) schon um 1875 entdeckt und wenig später (etwa 1878) ausgegraben hat. Obwohl diese „Durchwühlungen” keineswegs unseren modernen Anforderungen entsprachen, so sind sie doch als das Erwachen eines fachlich en Interesses an der Urzeit der Heimat zu werten (vgl. dazu Abb. 2). Die große Tradition der Bernhardsthaler Urgeschichtsforschung wurde in der Folge durch Univ.-Prof. Dr. H. Mitscha-Märheim und Univ.-Prof. Doktor R. Pittioni (Fund des Bernhardsthaler Bleikreuzes 1931; Abb. 6) fortgesetzt. Gerade die jetzt erfolgte Eröffnung des Bernhardsthaler Heimatmuseums und laufende Grabungen in und um den Ort beweisen, dass Bernhardsthal auch in der modernen Forschung nach wie vor eine hervorragende Position einnimmt.

Wenn man nun den ersten Raum betritt, so soll zuerst ein Luftbild des österreichischen Bundesheeres eine Vorstellung von der Lage des Ortes an Thaya und Hamelbach vermitteln. Im Vergleich dazu versucht die Fundkarte die Siedlungsreizpunkte in den einzelnen ur- und frühgeschichtlichen Perioden zu verdeutlichen (siehe auch Abb. 3), während eine Übersichtstafel auch dem Laien die Orientierung in der Vorzeit erleichtern soll.


Altsteinzeit: 1,000.000-4.500 v. Chr.

Raum 1, Vitrine 3

Die altsteinzeitlichen Anfänge der menschlichen Geschichte reichen in das Zeitalter der Eiszeit zurück. Kalt- und Warmphasen wechselten einander ab, wobei in den Kälteperioden das Jahresmittel um 3-8 Grad niedriger als heute war. In einer diesem Klima eigentümlichen Umwelt lebte der Mensch noch unstet als Jäger und Sammler (= aneignende Wirtschaftsform). Seine Werkzeuge und Waffen schlug er sich aus (Feuer-) Stein (Steinzeit) zu. Fehlen aus Bernhardsthal selbst bislang noch altstein-zeitliche Nachweise, so gibt es 25 km nordwestlich in den Pollauer Bergen einige berühmte Fundstellen wie Unter-Wisternitz (Dolní Věstonice) und Pollau (Pavlov). Besonders aus dem erstgenannten Unterwisternitz ist eine Venusstatuette (Alter ungefähr 25.000 v. Chr.) hervorzuheben, die in der Vitrine als Kopie zu sehen ist. Einige Feuersteingeräte von dem bekannten Siedlungsplatz Willendorf in der Wachau (Klingen, Kratzer, Stichel, Bohrer etc.) füllen die Lücke. Aus einheimischen Sandgruben stammen dagegen Tierreste (z.B. ein Mammut-Wirbel). Das Mammut ist ein für die Kaltzeit typisches Tier, es ist in einer zeitgenössischen Wiedergabe (Ritzzeichnung aus einer französischen Höhle um 15.000 v. Chr.) im Hintergrund abgebildet. Die Mammutmodelle stammen von Werner Schmid, der als Spezialist für Mammutiden (Mastodonten, ausgestorbene elefantenartige Rüsseltiere, die 22 Mio. Jahre bis 10.000 v. Chr. existierten) auch für Wiener, Niederösterreichische und für das Brünner Museum Modelle anfertigte.


Jungsteinzeit: 4.500-1.800 v. Chr.

Raum 1, Webstuhl 4 und Vitrine 5

Nach der letzten Kaltzeit folgt schon in der geologischen Gegenwart die Jungsteinzeit. Trotz einiger kleinerer Klimaschwankungen wird die Naturlandschaft nun kultiviert. Der Mensch wird sesshaft und beginnt mit Ackerbau und Viehzucht; er geht von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaft über. Gefäße aus Ton werden erzeugt und neben zugeschlagenen Feuersteingeräten gibt es fein geschliffene Werkzeuge aus weicheren Materialien.

Kann aus der älteren Jungsteinzeit, der sog. Linearkeramik, nur eine Kopie eines kompletten Bombengefäßes und das Foto einer Hausrekonstruktion im Museum für Urgeschichte in Asparn/Zaya geboten werden, so liegen aus der mittleren Periode (Lengyel-Kultur) Originale vom Ort vor: inmitten des frühbronzezeitlichen Hockergräberfeldes, Flur Unfrieden (ehemalige Gemeindesandgrube; Abb. 3, Nr. 1), kamen auch Siedlungsreste und eine Hundebestattung der Jungsteinzeit zutage; ausgestellt sind ein großes Vorratsgefäß mit Knubben und ein Fußgefäß. Von zahlreichen weiteren Fundstellen stammen Feuersteingeräte (Nuklei = Rohstücke; Messer, Sägen, Pfeilspitzen ... ), zugeschliffene Steinwerkzeuge (Loch- und Flachbeile, Hobel), Klopf- und Mahlsteine, Knochengeräte (Pfrieme, Ahlen, Spatel ... ), Webgewichte und Netzsenker. An das Ende der Jungsteinzeit ist das fragmentierte Großgefäß mit interessanter plastischer Zier zu stellen. Ein Modell einer Bohrmaschine für Lochbeile und eines Webstuhles runden das Bild vom Leben in der Jungsteinzeit ab.


Frühe und Mittlere Bronzezeit: 1.800-1.200 v. Chr.

Raum 1, Vitrine 6 und Vitrine 7a und 7b

Die Bronzezeit wird nun in erster Linie durch die aus Metall, zuerst nur aus reinem Kupfer, dann aus Bronze (= Kupfer mit Zinn legiert) gefertigten Waffen und Werkzeuge bestimmt.

Mit der Erzgewinnung und -Aufbereitung und der Metallverwertung ging eine Herausgliederung neuer Berufsgruppen Hand in Hand. Weiters blühten Handwerk und Handel auf. Dadurch erfolgten aber auch soziale Differenzierungen und eine Herausbildung von Machtgefügen. Neben dem Weiterbestehen rein bäuerlicher Siedlungen kommt es nun an günstig gelegenen Punkten (auf Bergkuppen entlang alter Handelswege, z. B. Bernsteinstraße) zur Gründung von Handels- und Handwerkszentren, die auch künstlich befestigt sein können (Wälle und Gräben).

Die für die Frühe Bronzezeit charakteristische Bestattungsform ist das Hockergrab: der Tote wird in Seitenlage angehockt (= Schlafstellung) bestattet. Neben einigen einzelnen Hockern besitzt Bernhardsthal auch einen größeren Friedhof: er wurde in der ehemaligen Gemeindesandgrube in der Flur Unfrieden (Parz. Nr. 902; Abb. 3, Nr. 1) beim Abbau angeschnitten und teilweise zerstört. Dank der Aufmerksamkeit von Otto Berger konnten aber die Beigaben von fast 40 der wohl ehemals etwa 80 Gräber gerettet werden. Ihnen ist jetzt im Raum 1 die gesamte Vitrine 2 gewidmet.

 

Abb. 1: Beigaben aus dem frühbronzezeitlichen Hockergräberfeld von Bernhardsthal, Flur Unfrieden (ehemalige Gemeindesandgrube, Parz. Nr. 902): Für die Aunjetitzkultur typische Gefäßformen. 1-3: Tassen, 4: Napf, 5: Schale und 6: Topf (Zeichnung: Walter Berger)

Es werden sowohl einige komplette Grabinventare (etwa von Grab 14, 21, 34 und 35) als auch typische. Einzelobjekte vorgestellt. Diese ermöglichen die eindeutige Zuordnung des Friedhofes zur frühbronzezeitlich en Aunjetitzkultur, die in dieser Form in Mähren und in Nordniederösterreich weit verbreitet ist. Erwähnenswert sind bei den Bronzen Schmuckstücke, wie Spiralröllchen, Noppen-, Locken-, Finger- und Ohrringe, und bei den Keramiken Tassen, Näpfe, Schalen, Schüsseln, Töpfe, Löffel etc. (vgl. dazu Abb. 1). In der Mitte der Vitrine befindet sich noch die schematische Darstellung eines Hockergrabes.

Der zweite Teil der Vitrine 7 (7b) ist der sog. Veterovkultur, einer Nachfolgeerscheinung der Aunjetitzkultur an der Wende von der Frühen zur Mittleren Bronzezeit, vorbehalten. Hier wird ein kleiner Einblick in den Formenreichtum dieser Zeit der „Hochkonjunktur” gegeben: fässchenförmige Tassen, Krüge, ein amphorenartiger Topf und ein großes Vorratsgefäß in bester Tonqualität sind zu nennen. Nicht vergessen werden dürfen auch Düsen, Perlen und Nachbildungen von Rädern aus Ton. Diese Objekte stammen zusammen mit der krückenförmigen Knochennadel von zahlreichen Siedlungsstellen um Bernhardsthal (z. B. in der Flur Unfrieden oder Loslingen; Abb. 3, Nr. 7 und 11). Die beiden Barrenringe aus Kupfer oder Bronze sind Reste eines größeren Fundes vom Theimwaldrand (Abb. 3, Nr. 23). Die Vergrößerung eines in Tschechien gefundenen verzierten Knochenringes soll an die bis Mykene (Griechenland) reichenden Kulturbeziehungen erinnern.

Die Mittlere Bronzezeit, die nach der weit verbreiteten Sitte, über den Gräbern kleine Hügel zu errichten, auch die Zeit der Hügelgräberkulturen bezeichnet wird, ist bislang in Bernhardsthal nur kümmerlich nachgewiesen worden. So müssen zwei Nachbildungen vom Museum für Urgeschichte in Asparn/Zaya (Krug und kleine Amphore) als Lückenbüßer fungieren.


Späte Bronzezeit (Urnenfelderkultur): 1.200-750 v. Chr.

Raum 1, Vitrine 7c

In dieser Epoche wurden die Toten ausschließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt und danach in großen Urnenfriedhöfen zusammen mit den Beigaben bestattet (daher auch der Name Urnenfelderkultur). Große Befestigungen (z. B. Stillfried an der March) lassen auf unruhige Zeiten schließen. Die erste spärliche Verwendung von Eisen deutet die Übergangsstellung zur Eisenzeit an.

Bei der Errichtung des Hauses Darmovzal im Ortsteil „Ödenkirchen” muss mindestens ein Urnengrab zerstört worden sein, wie einige in der Vitrine ausgestellte Keramiken wahrscheinlich machen (Abb. 3, Nr. 12). Es sind dies eine Tasse, eine doppelhenkelige Schale, ein kleines Fußgefäß und ein Gefäßfragment. Die restlichen Exponate (großes kugeliges Gefäß, Henkelschale, Bronzemesser, Bronzebecken = Nachbildung mit Henkeln mit kreuzförmigen Attaschen und gelochtes Geweihstück) stammen aus einer älteren Aufsammlung; ihre genaueren Fundorte sind leider nicht bekannt. Der Scherben eines Kegelhalsgefäßes mit der schematischen Darstellung eines zweirädrigen Wagens aus Rabensburg (in der Vitrine eine Kopie, Original im Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien; im Hintergrund eine vergrößerte Umzeichnung des Wagens rechts neben einigen weiteren urnenfelderzeitlichen Gefäßtypen) gehört schon in die folgende Hallstattkultur.


Ältere Eisenzeit (Hallstattkultur): 750-400 v. Chr.

Raum 1, Vitrine 7d und Vitrine 8a

Ab nun beginnt das Eisen als eine zusätzliche Werkstoffkomponente eine immer bedeutender werdende Rolle zu spielen. Ein wirklich fühlbarer Umschwung weg von der Bronze hin zum Eisen wird aber erst in der jüngeren Eisenzeit bemerkbar. Aber schon in der älteren Stufe, die nach dem berühmten oberösterreichischen Salzbergbauort mit zugehörigem Gräberfeld Hallstattkultur benannt wird, kommt es zu beträchtlichen Veränderungen auf wirtschaftlichem, wohl aber auch auf gesellschaftlichem und politischem Gebiet. In den Friedhöfen tauchen zudem langsam wieder Körperbestattungen auf (an der Marchlinie dauert dies allerdings sehr lange!).

Abb. 2: Darstellung von Hugo Charlemont von 1886

Eine besondere Stellung nehmen neben den einfachen Flachgräberfeldern (z. B. Hohenau/March; rechtes Foto in der Vitrine = Grab 37) die Hügelgräbergruppen ein. Mit den sog. „Drei Bergen” ist Bernhardsthal in der glücklichen Lage, drei dieser Fürstengräber in seinem Gemeindegebiet zu haben (Abb. 3, Nr. 13 a-c). Wie schon eingangs erwähnt, hat Dr. Much sowohl die Rabensburger als auch die Bernhardsthaler Hügel schon im vorigen Jahrhundert durchgraben.

Die dabei gemachten Funde (alte Darstellung von Hugo Charlemont von 1886, links in der Vitrine und Abb. 1, oben) gelangten in die Studiensammlung des Institutes für Ur- und Frühgeschichte der Wiener Universität. Anlässlich der Errichtung des Heimatmuseums überließ der damalige Vorstand des Institutes, Univ.-Prof. Dr. R. Pittioni, einige Gefäße leihweise der Bernhardsthaler Sammlung. Diese können daher nach etwa 100 Jahren wieder im Ort in der Vitrine 2 besichtigt werden. Es sind dies zwei Kegelhalsgefäße, zwei Tassen, eine Schale und eine Situla (eimerförmiges Gefäß). Neue Grabfunde, die bei Hausbauten in Rabensburg auf dem Areal des ehemaligen Sportplatzes getätigt wurden, runden das Bild ab.

Unseren Rundgang in Raum 1 wollen wir mit einem Blick auf den letzten barocken Grabstein (10) des Bernhardsthaler Friedhofs, rechts neben Vitrine 3, abschließen, der 1725 einem Ratsherrn zu Bernhardsthal gesetzt worden war:

„Alhier Ruhet in
Gott der Ehrngeachte
Herr Caspar Bittman.
So gestorben den 18. November
1725. Alt 75 Jahr.
Gott sey Ihm genädig!”


Jüngere Eisenzeit (Latènekultur): 400 -15 v. Chr.

Raum 1, Vitrine 8b

Die Kelten mit der ihnen eigenen Kultur und Kunst haben in weiten Teilen Europas diesen Zeitabschnitt geprägt (die jüngere Eisenzeit wird nach einem wichtigen schweizerischen Fundort am Neuenburger See auch Latènekultur genannt). Neben dem auf ihren Wanderungen verbreiteten keltischen Volkstum übernahmen auch viele einheimische Kulturen keltische Eigenheiten und Modeerscheinungen (Waffen, Verwendung der Drehscheibe etc.).

In Bernhardsthal gibt es aus dieser Zeit allerdings nur spärliche Hinterlassenschaften, wie ein inmitten des jüngeren slawischen Friedhofes in der Flur Kohlfahrt angetroffenes Mittellatènegrab (Abb. 3, Nr. 14). In der Vitrine befindet sich ein mittellatènezeitliches Drehscheibengefäß, zwei Eisenlanzenspitzen, ein Bronzearmreifbruchstück und ein Mahlstein (bei allen näheren Fundortangaben fraglich). Die „spätlatènezeitlichen” Kammstrichtopfreste kamen im Bereich der germanischen Siedlung „Feldl”, in der Flur Aulüssen zutage, ebenso der Hüttenlehm (siehe dazu auch das Foto einer rekonstruierten eingetieften Hütte vom Museum für Urgeschichte in Asparn/Zaya an der Rückwand der Vitrine).


Die Römische Kaiserzeit und die germanischen Siedlungen von Bernhardsthal

Raum 2, Vitrine 1 und Vitrine 2a

Autor: HORST ADLER

Zu Beginn unserer Zeitrechnung stießen an der mittleren Donau zwei neue Mächte zusammen, die für Jahrhunderte die Geschicke unserer Heimat bestimmen sollten. Von Süden her erweiterten die Römer durch die Einrichtung der Provinzen Noricum und Pannonien ihr Herrschaftsgebiet, von Nordwesten drangen germanische Quaden bis an die Donau. Sowohl nördlich wie auch südlich der Donau lebte jedoch die einheimische keltoillyrische Bevölkerung weiter, bis sie am Ende des 2. Jahrhunderts vollkommen assimillert war.

Aus dem 1. Jahrhundert kennen wir im norddanubischen Niederösterreich neben den zahlreichen kelto-illyrischen Siedlungen nur wenige germanische Gräber, so z. B. vom Bestattungsplatz Mistelbach-Galgengrund. In diesem Zusammenhang muss eine 1973 in Rabensburg gefundene Fibel aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts gesehen werden, da sie möglicherweise aus einem zerstörten und unerkannten Brandgrab stammt. Das Hauptsiedlungsgebiet der Quaden lag bereits im 1. Jahrhundert in der Slowakei.

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts änderten sich die Siedlungsverhältnisse vollkommen. In ganz Niederösterreich nördlich der Donau wurden entlang der Flussläufe neue germanische Siedlungen in einer verhältnismäßig großen Dichte angelegt. Diese Siedlungen und die dazugehörigen Gräberfelder zeigen keinerlei Verbindung mit der Besiedlung des 1. Jahrhunderts. Es liegt nahe, darin einen Bevölkerungswechsel zu sehen. Wir können annehmen, dass zahlreiche Markomannen ihre böhmische Heimat gegen Ende des 1. Jahrhunderts verließen und sich eben in Südmähren und Niederösterreich ansiedelten. Die wenigen hier lebenden Quaden zogen entweder in die Slowakei ab oder wurden von den Markomannen aufgenommen, gehörten doch beide Stämme zu dem großen Verband der Sweben und waren damit eng verwandt. Zur Zeit ist es den Archäologen noch nicht möglich Fundmaterialien beider Stämme zu unterscheiden.

Die Ansiedlung der Markomannen in Südmähren und im norddanubischen Niederösterreich wird auch der Grund für den forderten Ausbau der römischen Befestigungen am Donaulimes und letzten Endes die eigentliche Ursache der als Markomannenkriege bezeichneten Auseinandersetzungen zwischen Römern und donauländischen Germanen in den Jahren zwischen 166 und 180 gewesen sein. Die mit dem Ende des 1. Jahrhunderts einsetzenden Siedlungen überdauerten ohne Bruch diese Kriegsereignisse, wurden jedoch im Laufe der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts aufgegeben. Die Ursache dafür ist zur Zeit unbekannt, sie kann vorläufig nur auf Grund der in Bernhardsthal durchgeführten Grabung in der Flur Aulüssen erahnt werden. Eine geringfügige Klimaverschlechterung mit einem damit verbundenen Anstieg des Grundwasserspiegels könnte die markomannischen Siedler wohl zur Aufgabe ihrer Gehöfte an den Flussläufen gezwungen haben.

Genau aus dieser Zeit, nämlich vom Ende des 1. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts, stammt die Siedlung in der Flur Aulüssen (Abb. 3, Nr. 2), wo seit Herbst 1974 eine groß angelegte Notgrabung durchgeführt wird, um Funde und Befunde noch vor dem Bau des Hochwasser-Schutzdammes zu retten. Die bisherigen Grabungen erbrachten eine Dreiphasigkeit der Siedlung. Zu Beginn der dritten Siedlungsphase, etwa im ausgehenden 2. Jahrhundert, wurde die Siedlung an allen vier Seiten von einem mächtigen Wall umgeben, der an der Basis etwa 9 in breit und demnach 3 bis 4 Meter hoch war. Da dem Wall kein Graben vorgelagert war, wie dies bei Befestigungsanlagen üblich war, dürfte er nicht so sehr gegen Feinde gerichtet gewesen sein, sondern vielmehr als Hochwasserschutz gedient haben. Innerhalb der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts dürfte eine Hochwasserkatastrophe den Ostwall durchbrochen und den Südostteil der Siedlung weggerissen haben. Dies dürfte Grund genug gewesen sein, den Siedlungsplatz aufzugeben.

Abb. 3: Funde von der germanischen Siedlung in Bernhardsthal, Flur Aulüssen

Abb. 4: Funde von der germanischen Siedlung in Bernhardsthal, Flur Aulüssen

1 und 2: Beinkämme, 3: Vogelgefäß aus Ton, 4: Bruchstück eines scheibengedrehten Gefäßes in Latènetradition, 5-7: Tonscherben mit typischen Verzierungen des 2. Jahrhunderts n. Chr., 8: Fußschale aus Ton (Zeichnungen W. Berger, W. Strasil, J. Walter)

Im Zentrum der Siedlung müssen wir die Wohnbauten annehmen, um die herum die Wirtschaftsgebäude angeordnet waren. Von letzteren konnten bisher drei Arten nachgewiesen werden: annähernd quadratische Bauten mit etwa 6,30 m Seitenlänge, die möglicherweise als Ställe gedient haben, bis zu 20 cm eingetiefte Objekte mit unregelmäßigem Grundriss und unregelmäßig gesetzten Pfosten, die einfach überdachte Arbeitsplätze darstellen, sowie rechteckige, 40-90 cm in den Boden eingetiefte Hütten mit sechs regelmäßig gesetzten, sehr tiefen Pfostengruben. Bei den zuletzt genannten Bauten handelt es sich um Grubenhütten, die vornehmlich zum Spinnen und Weben, sicher aber auch für andere Arbeiten gedient haben. Ein derartiges Wirtschaftsobjekt wurde während der Herbstkampagne 1976 zur Überprüfung theoretischer Überlegungen zum Aufbau und Aussehen am Grabungsgelände rekonstruiert (Abb. 5).

Abb. 5: Grundgerüst und Dach einer rekonstruierten Wirtschaftshütte am Grabungsgelände in Bernhardsthal, Flur Aulüssen

Das bisher geborgene Fundgut besteht in der Hauptsache aus zerscherbter Keramik. Eine Auswahl davon ist in den beiden Vitrinen des für die Grabung Flur Aulüssen bestimmten Museumsraumes zu sehen (Raum 3, Vitrine 1 und 2).

Die quantitativ größte Gruppe bildet die grob geformte germanische Hauskeramik. Hier überwiegen Töpfe mit S-förmigem Profil, die an der Wand oft Nagelkerben in waagrechter oder senkrechter Anordnung tragen, aber auch Wirrfurchen, Dreiecksverzierungen, Kerben in Fischgrätenanordnung und Schwungbogenköpfe (Abb. 4/5-8).

Die zweite Gruppe stellt die feine dünnwandige germanische Ware aus schwarzem, gut poliertem Ton dar. Hierher gehören vor allem Fußschüsseln, Schalen, Terrinen und einfache Schüsseln. Die feine Ware kann mit Laufrädchendekor, mit senkrechten und schrägen Dellen, Knubben, Zickzackbändern und Schwungbogenköpfen versehen sein.

Im Nahbereich der römischen Reichsgrenze hatte auch importierte scheibengedrehte Keramik eine gewisse Bedeutung. In Niederösterreich stammen derartige Töpfererzeugnisse vor allem aus der Provinz Pannonien: Ringschüsseln, eiförmige Töpfe und Henkelkrüge pannonischer Streifenkeramik, seltener Terra-sigillata-Ware, Faltenbecher und Vorratsgefäße mit gerilltem Mundsaum.

Eine echte Überraschung während der Grabungsarbeiten stellte das Auftreten von Keramik in Latène-Tradition dar: Kammstrichtöpfe (z. B. Abb. 4/4), scheibengedrehte Schüsseln und flaschenförmige Gefäße. Diese Ware beweist das Weiterleben bodenständiger kelto-illyrischer Bevölkerung, doch ist es zur Zeit nicht möglich, Aussagen über das wirtschaftliche Verhältnis beider Bevölkerungsgruppen zu treffen.

An weiteren Gegenständen aus Ton sind ein 1976 gefundenes, leider fragmentiertes Gefäß in Vogelgestalt (Abb. 4/3) zu nennen, besonders aber Spinnwirtel, die als Schwungmasse für Spindeln gedient haben.

Aus Horn wurden vor allem einreihige Kämme gefertigt (Abb. 4/1, 2), auch Fellschaber, einfache Nadeln und Pfriemen. Aus Eisen waren Sporen, Fibeln, vor allem aber verschiedenste Werkzeuge hergestellt. Altere Funde der erwähnten Gattungen sowohl von der Flur Aulüssen als auch von anderen Lokalitäten befinden sich noch im Raum 2, Vitrine 3, linker Teil, unter dem vergrößerten Foto eines Denars des Kaisers Marcus Aurelius (dieser leitete die römischen Gegenaktionen gegen die Markomannen und Quaden teilweise persönlich). Besonders auf die Musterkarte von Gefäßverzierungsvarianten und auf römische Importstücke soll hier noch hingewiesen werden.

Wirtschaftliche Grundlage der Ansiedlung war der Getreideanbau, wie einige Handmühlen aus Stein zeigen, aber auch die Viehzucht, auf die zahlreiche Knochen von Schwein und Rind weisen. Durch die vorbeifließende Thaya wird sicherlich auch dem Fischfang eine gewisse Bedeutung zugekommen sein.

Im Gebiet der KG Bernhardsthal sind noch weitere vier Siedlungen auf Grund von Streuscherben bekannt, die mit dem Gehöft in der Flur Aulüssen gleichzeitig sind: in der Flur Wehrlehen am Südwestufer des ehemaligen Hamelbachverlaufes (Abb. 3, Nr. 15), in derselben Flur im Zwickel Hamelbach und Bernstein-Bundesstraße (Abb. 3, Nr. 16), im Föhrenwald (Abb. 3, Nr. 18) und westlich des Ortes in der Flur Tallüssen (Abb. 3, Nr. 17).

Nach Aufgabe aller dieser Siedlungen im norddanubischen Niederösterreich dürften die Markomannen nur mehr z. T. im Lande verblieben sein; die Siedlungsdichte in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts und im 4. Jahrhundert war nur mehr sehr gering. Aus Bernhardsthal sind aus dieser Zeit bloß einige Gefäßbruchstücke aus der Flur Tallüssen bekannt. Während des 3. und 4. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt germanischer Besiedlung im mittleren Donauraum immer mehr nach Osten, also in die quadisch besiedelte Slowakei. Im Jahre 395 setzten, durch den wachsenden gotischen Druck gezwungen, die Markomannen über die Donau; sie wurden als Föderaten Roms im Wiener Becken angesiedelt. Damit begannen auch für unsere Heimat die Wirren der sogenannten Völkerwanderung, während der verschiedenste germanische Scharen durch das Land zogen. Von diesen sind besonders die Langobarden, die sich im 6. Jahrhundert kurzfristig in unserer Gegend aufhielten (Grab in Hohenau!), zu erwähnen.


Die Frühgeschichte bzw. Mittelalterarchäologie des Bernhardsthaler Raumes

Raum 2, Vitrine 2b und 2c

Autor: JOHANNES-WOLFGANG NEUGEBAUER

Von den drei Abschnitten (Früh-, Hoch- und Spätmittelalter; 375/568 bis 1492) soll uns hier besonders der älteste, die eigentliche Frühgeschichte (375/568 bis etwa 1000) interessieren. Nach dem Abzug der Langobarden 568 beginnt die slawische Einwanderung nach Niederösterreich, die auch während der awarischen Besetzung der östlichen Teile fühlbar ist. Nach den Awarenfeldzügen Karls des Großen kommt es zu weiteren Zuzügen aus dem böhmisch-mährischen Raum. In diese Zeit fällt aber auch die fränkisch-bayrische Siedlungstätigkeit und der Aufbau einer ebensolchen Verwaltung. Mit der neuen Pfarrorganisation kommt es zur Aufgabe der alten Friedhöfe. Diese Entwicklung wird zwar durch die Ungarnwirren des 10. Jahrhunderts teilweise unterbrochen, wird nachher aber konsequent wieder aufgenommen. Bestehende, teils noch slawische Verwaltungseinheiten werden nun durch die Babenberger bzw. hochfreie Geschlechter übernommen. Zur detaillierten Ortsgeschichte sei in diesem Zusammenhang auf die entsprechenden Kapitel im Heimatbuch von Bernhardsthal von R.F. Zelesnik hingewiesen.

        

Abb. 6: Bleikreuze des 9. Jahrhunderts n. Chr. aus Niederösterreich
Links: Kreuz aus Grab 6 des slawischen Friedhofs von Bernhardsthal, Flur Kohlfahrt, Parz. Nr. 1606
Rechts: gussidentes Vergleichsstück aus der slawischen Siedlung ,Schanze' von Gars/Thunau

Im Bernhardsthaler Raum, der direkter Nachbar bedeutender Zentren des Großmährischen Reiches (Pohansko und Mikulčice) ist, fanden sich zahlreiche slawische Gräber, so unter anderem eines im nördlichsten Hügel der „Drei Berge” (Abb. 3, Nr. 13a), der bekannte Friedhof in der Flur Kohlfahrt (Parz. Nr. 1606, Abb. 3, Nr. 14) und ein Gräberfeld in Rabensburg, Tiergarten. Die in der Mitte der Vitrine 3 ausgestellten Funde stammen fast ausnahmslos von letzterem: wellenbandverzierte Gefäße, Spinnwirtel aus Ton, Glasperlen, Bronzeohrringe, Messer, Axt und Lanzenspitze aus Eisen (siehe dazu auch Grabungsfotos im Hintergrund). Lediglich ein Gefäß stammt vom Friedhof in der Flur Kohlfahrt. Die von Univ.-Prof. Dr. R. Pittioni 1931/32 ausgegrabenen Grabbeigaben gelangten nämlich an das NÖ. Landesmuseum. So ist auch das Bleikreuzchen nur in Kopie und als Großfoto zu sehen. Es ist sicher ein christliches Taufgeschenk und stammt aus der Mitte des 9. Jahrhunderts; das Bernhardsthaler Exemplar, das auch das neue Marktwappen ziert, wurde in der identen Form erzeugt wie ein von Univ.-Doz. Dr. H. Friesinger in Gars/Thunau ausgegrabenes Stück (Abb. 6) und wie die Nachweise aus Unterwisternitz und Mikultschitz (Mikulčice).

Die im mittleren Teil der Vitrine 2 (2b) ausgestellten mittelalterlichen und neuzeitlichen Gebrauchsgegenstände wurden durchwegs bei Bauarbeiten im Ortsbereich gefunden. In diesem Zusammenhang sei nur die Tatsache erwähnt, dass Bernhardsthal einstens sowohl eine Burg (Jägerhausberg) als auch ein Schloss (Schlossberg = Hradschin) besessen hat; von beiden ist nichts mehr erhalten. Die unruhigen Zeiten und das Grenzlandschicksal lässt sich auch an den zahlreichen abgekommenen Orten der Umgebung (z. B. Wüstung Ebenfeld beim Meierhof, Abb. 3, Nr. 21) und den vielen Erdställen im Ortsraum ablesen.