Die Frühgeschichte bzw. Mittelalterarchäologie des Bernhardsthaler Raumes

Raum 2, Vitrine 2b und 2c

Autor: JOHANNES-WOLFGANG NEUGEBAUER

Von den drei Abschnitten (Früh-, Hoch- und Spätmittelalter; 375/568 bis 1492) soll uns hier besonders der älteste, die eigentliche Frühgeschichte (375/568 bis etwa 1000) interessieren. Nach dem Abzug der Langobarden 568 beginnt die slawische Einwanderung nach Niederösterreich, die auch während der awarischen Besetzung der östlichen Teile fühlbar ist. Nach den Awarenfeldzügen Karls des Großen kommt es zu weiteren Zuzügen aus dem böhmisch-mährischen Raum. In diese Zeit fällt aber auch die fränkisch-bayrische Siedlungstätigkeit und der Aufbau einer ebensolchen Verwaltung. Mit der neuen Pfarrorganisation kommt es zur Aufgabe der alten Friedhöfe. Diese Entwicklung wird zwar durch die Ungarnwirren des 10. Jahrhunderts teilweise unterbrochen, wird nachher aber konsequent wieder aufgenommen. Bestehende, teils noch slawische Verwaltungseinheiten werden nun durch die Babenberger bzw. hochfreie Geschlechter übernommen. Zur detaillierten Ortsgeschichte sei in diesem Zusammenhang auf die entsprechenden Kapitel im Heimatbuch von Bernhardsthal von R.F. Zelesnik hingewiesen.

        

Abb. 6: Bleikreuze des 9. Jahrhunderts n. Chr. aus Niederösterreich
Links: Kreuz aus Grab 6 des slawischen Friedhofs von Bernhardsthal, Flur Kohlfahrt, Parz. Nr. 1606
Rechts: gussidentes Vergleichsstück aus der slawischen Siedlung ,Schanze' von Gars/Thunau

Im Bernhardsthaler Raum, der direkter Nachbar bedeutender Zentren des Großmährischen Reiches (Pohansko und Mikulčice) ist, fanden sich zahlreiche slawische Gräber, so unter anderem eines im nördlichsten Hügel der „Drei Berge” (Abb. 3, Nr. 13a), der bekannte Friedhof in der Flur Kohlfahrt (Parz. Nr. 1606, Abb. 3, Nr. 14) und ein Gräberfeld in Rabensburg, Tiergarten. Die in der Mitte der Vitrine 3 ausgestellten Funde stammen fast ausnahmslos von letzterem: wellenbandverzierte Gefäße, Spinnwirtel aus Ton, Glasperlen, Bronzeohrringe, Messer, Axt und Lanzenspitze aus Eisen (siehe dazu auch Grabungsfotos im Hintergrund). Lediglich ein Gefäß stammt vom Friedhof in der Flur Kohlfahrt. Die von Univ.-Prof. Dr. R. Pittioni 1931/32 ausgegrabenen Grabbeigaben gelangten nämlich an das NÖ. Landesmuseum. So ist auch das Bleikreuzchen nur in Kopie und als Großfoto zu sehen. Es ist sicher ein christliches Taufgeschenk und stammt aus der Mitte des 9. Jahrhunderts; das Bernhardsthaler Exemplar, das auch das neue Marktwappen ziert, wurde in der identen Form erzeugt wie ein von Univ.-Doz. Dr. H. Friesinger in Gars/Thunau ausgegrabenes Stück (Abb. 6) und wie die Nachweise aus Unterwisternitz und Mikultschitz (Mikulčice).

Die im mittleren Teil der Vitrine 2 (2b) ausgestellten mittelalterlichen und neuzeitlichen Gebrauchsgegenstände wurden durchwegs bei Bauarbeiten im Ortsbereich gefunden. In diesem Zusammenhang sei nur die Tatsache erwähnt, dass Bernhardsthal einstens sowohl eine Burg (Jägerhausberg) als auch ein Schloss (Schlossberg = Hradschin) besessen hat; von beiden ist nichts mehr erhalten. Die unruhigen Zeiten und das Grenzlandschicksal lässt sich auch an den zahlreichen abgekommenen Orten der Umgebung (z. B. Wüstung Ebenfeld beim Meierhof, Abb. 3, Nr. 21) und den vielen Erdställen im Ortsraum ablesen.