Die Frühgeschichte bzw. Mittelalterarchäologie des Bernhardsthaler Raumes

Raum 2, Vitrine 22 und 24, Mühlenwehr 28

Autor: JOHANNES-WOLFGANG NEUGEBAUER

Zum Mittelalter, üblicherweise unterteilt in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter; 375/568 bis 1492, gibt es bedeutende Funde zu den beiden späteren Abschnitten.

Nach dem Abzug der Langobarden 568 beginnt die slawische Einwanderung nach Niederösterreich, die auch während der awarischen Besetzung der östlichen Teile fühlbar ist. Nach den Awarenfeldzügen Karls des Großen kommt es zu weiteren Zuzügen aus dem böhmisch-mährischen Raum. In diese Zeit fällt aber auch die fränkisch-bayrische Siedlungstätigkeit und der Aufbau einer ebensolchen Verwaltung. Mit der neuen Pfarrorganisation kommt es zur Aufgabe der alten Friedhöfe. Diese Entwicklung wird zwar durch die Ungarnwirren des 10. Jahrhunderts teilweise unterbrochen, wird nachher aber konsequent wieder aufgenommen. Bestehende, teils noch slawische Verwaltungseinheiten werden nun durch die Babenberger bzw. hochfreie Geschlechter übernommen. Zur detaillierten Ortsgeschichte sei in diesem Zusammenhang auf die entsprechenden Kapitel im Heimatbuch von Bernhardsthal von R.F. Zelesnik hingewiesen.

        

Abb. 6: Bleikreuze des 9. Jahrhunderts n. Chr. aus Niederösterreich
Links: Kreuz aus Grab 6 des slawischen Friedhofs von Bernhardsthal, Flur Heidfleck (früher Kohlfahrt), Parz. Nr. 1606
Rechts: Vergleichsstück aus der slawischen Siedlung ,Schanze' von Gars/Thunau

Im Bernhardsthaler Raum, der direkter Nachbar bedeutender Zentren des Großmährischen Reiches (Pohansko und Mikulčice) ist, fanden sich zahlreiche slawische Gräber, so unter anderem eines im nördlichsten Hügel der „Drei Berge” (Abb. 3, Nr. 13a), der bekannte Friedhof in der Flur Heidfleck (Parz. Nr. 1606, Abb. 3, Nr. 14) und ein Gräberfeld in Rabensburg, Tiergarten. Die im linken Teil der Vitrine 22 ausgestellten Funde stammen fast ausnahmslos von letzterem: wellenbandverzierte Gefäße, Spinnwirtel aus Ton, Glasperlen, Bronzeohrringe, Messer, Axt und Lanzenspitze aus Eisen. Lediglich ein Gefäß stammt vom Friedhof in der Flur Heidfleck. Die von Univ.-Prof. Dr. R. Pittioni 1931/32 ausgegrabenen Grabbeigaben gelangten nämlich an das NÖ. Landesmuseum.

So ist auch unser Bleikreuzchen nur in Kopie und auf Fotos zu sehen. Von den bisher acht Bleikreuzen dieses Typs wurden drei in Österreich geborgen, eines in einem Grab auf der Schanze in Thunau (Gars am Kamp), damals die Burg des Slawen Joseph, eines in Bernhardsthal und ein weiteres in Guntramsdorf, das leider verschollen ist. Ein Kreuz wurde in Dojč (Slowakei) gefunden, vier weitere in Tschechien: Mušov, Dolní Věstonice, sowie zwei Teilstücke in Mikulčice. Die Kreuze des Typs sind sehr ähnlich, aber nicht gußident.

Nicht mit slawischen Fundstücken vertreten ist die Ausgrabung im Föhrenwald, ein slawischer Friedhof - 39 Hügelgräber - des 8 Jahrhunderts. Die beiden ergrabenen Hügel, errichtet mit Aushubmaterial der Aunjetitzzeit, enthielten nur spärliche Fundstücke der Errichtungszeit, die sich im NÖ. Landesmuseum Asparn befinden.

Die in der Vitrine 24 ausgestellten mittelalterlichen und neuzeitlichen Gebrauchsgegenstände wurden durchwegs bei Bauarbeiten im Ortsbereich gefunden. In diesem Zusammenhang sei nur die Tatsache erwähnt, dass Bernhardsthal einstens sowohl eine Burg (Jägerhausberg) als auch ein Schloss (Schlossberg = Hradschin) besessen hat; von beiden ist nichts mehr erhalten. Die unruhigen Zeiten und das Grenzlandschicksal lässt sich auch an den zahlreichen abgekommenen Orten der Umgebung (z. B. Wüstung Ebenfeld beim Meierhof, Abb. 3, Nr. 21) und den vielen Erdställen im Ortsraum ablesen.

Ein Teil des Grundbalkens der Geresdorfer Mühle, die 1411 und 1414 erwähnt wird, liegt auf Position 28. Die fast am Beginn des Mühlgrabens gelegene Mühle war eine unterschlächtige Mühle mit 2 Gängen. Der Balken wurde mit 1280 datiert, ein weiterer Holzpfosten mit 1400. Die Familie der Hering, die Bernhardsthal von ungefähr 1401 bis etwa 1423 innehatte, wird im Jahre 1411 auch als Besitzer der Geresdorfer Mühle ausgewiesen.