Die Römische Kaiserzeit und die germanischen Siedlungen von Bernhardsthal

Raum 2, Vitrine 1 und Vitrine 2a

Autor: HORST ADLER

Zu Beginn unserer Zeitrechnung stießen an der mittleren Donau zwei neue Mächte zusammen, die für Jahrhunderte die Geschicke unserer Heimat bestimmen sollten. Von Süden her erweiterten die Römer durch die Einrichtung der Provinzen Noricum und Pannonien ihr Herrschaftsgebiet, von Nordwesten drangen germanische Quaden bis an die Donau. Sowohl nördlich wie auch südlich der Donau lebte jedoch die einheimische keltoillyrische Bevölkerung weiter, bis sie am Ende des 2. Jahrhunderts vollkommen assimillert war.

Aus dem 1. Jahrhundert kennen wir im norddanubischen Niederösterreich neben den zahlreichen kelto-illyrischen Siedlungen nur wenige germanische Gräber, so z. B. vom Bestattungsplatz Mistelbach-Galgengrund. In diesem Zusammenhang muss eine 1973 in Rabensburg gefundene Fibel aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts gesehen werden, da sie möglicherweise aus einem zerstörten und unerkannten Brandgrab stammt. Das Hauptsiedlungsgebiet der Quaden lag bereits im 1. Jahrhundert in der Slowakei.

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts änderten sich die Siedlungsverhältnisse vollkommen. In ganz Niederösterreich nördlich der Donau wurden entlang der Flussläufe neue germanische Siedlungen in einer verhältnismäßig großen Dichte angelegt. Diese Siedlungen und die dazugehörigen Gräberfelder zeigen keinerlei Verbindung mit der Besiedlung des 1. Jahrhunderts. Es liegt nahe, darin einen Bevölkerungswechsel zu sehen. Wir können annehmen, dass zahlreiche Markomannen ihre böhmische Heimat gegen Ende des 1. Jahrhunderts verließen und sich eben in Südmähren und Niederösterreich ansiedelten. Die wenigen hier lebenden Quaden zogen entweder in die Slowakei ab oder wurden von den Markomannen aufgenommen, gehörten doch beide Stämme zu dem großen Verband der Sweben und waren damit eng verwandt. Zur Zeit ist es den Archäologen noch nicht möglich Fundmaterialien beider Stämme zu unterscheiden.

Die Ansiedlung der Markomannen in Südmähren und im norddanubischen Niederösterreich wird auch der Grund für den forderten Ausbau der römischen Befestigungen am Donaulimes und letzten Endes die eigentliche Ursache der als Markomannenkriege bezeichneten Auseinandersetzungen zwischen Römern und donauländischen Germanen in den Jahren zwischen 166 und 180 gewesen sein. Die mit dem Ende des 1. Jahrhunderts einsetzenden Siedlungen überdauerten ohne Bruch diese Kriegsereignisse, wurden jedoch im Laufe der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts aufgegeben. Die Ursache dafür ist zur Zeit unbekannt, sie kann vorläufig nur auf Grund der in Bernhardsthal durchgeführten Grabung in der Flur Aulüssen erahnt werden. Eine geringfügige Klimaverschlechterung mit einem damit verbundenen Anstieg des Grundwasserspiegels könnte die markomannischen Siedler wohl zur Aufgabe ihrer Gehöfte an den Flussläufen gezwungen haben.

Genau aus dieser Zeit, nämlich vom Ende des 1. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts, stammt die Siedlung in der Flur Aulüssen (Abb. 3, Nr. 2), wo seit Herbst 1974 eine groß angelegte Notgrabung durchgeführt wird, um Funde und Befunde noch vor dem Bau des Hochwasser-Schutzdammes zu retten. Die bisherigen Grabungen erbrachten eine Dreiphasigkeit der Siedlung. Zu Beginn der dritten Siedlungsphase, etwa im ausgehenden 2. Jahrhundert, wurde die Siedlung an allen vier Seiten von einem mächtigen Wall umgeben, der an der Basis etwa 9 in breit und demnach 3 bis 4 Meter hoch war. Da dem Wall kein Graben vorgelagert war, wie dies bei Befestigungsanlagen üblich war, dürfte er nicht so sehr gegen Feinde gerichtet gewesen sein, sondern vielmehr als Hochwasserschutz gedient haben. Innerhalb der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts dürfte eine Hochwasserkatastrophe den Ostwall durchbrochen und den Südostteil der Siedlung weggerissen haben. Dies dürfte Grund genug gewesen sein, den Siedlungsplatz aufzugeben.

Abb. 3: Funde von der germanischen Siedlung in Bernhardsthal, Flur Aulüssen

Abb. 4: Funde von der germanischen Siedlung in Bernhardsthal, Flur Aulüssen

1 und 2: Beinkämme, 3: Vogelgefäß aus Ton, 4: Bruchstück eines scheibengedrehten Gefäßes in Latènetradition, 5-7: Tonscherben mit typischen Verzierungen des 2. Jahrhunderts n. Chr., 8: Fußschale aus Ton (Zeichnungen W. Berger, W. Strasil, J. Walter)

Im Zentrum der Siedlung müssen wir die Wohnbauten annehmen, um die herum die Wirtschaftsgebäude angeordnet waren. Von letzteren konnten bisher drei Arten nachgewiesen werden: annähernd quadratische Bauten mit etwa 6,30 m Seitenlänge, die möglicherweise als Ställe gedient haben, bis zu 20 cm eingetiefte Objekte mit unregelmäßigem Grundriss und unregelmäßig gesetzten Pfosten, die einfach überdachte Arbeitsplätze darstellen, sowie rechteckige, 40-90 cm in den Boden eingetiefte Hütten mit sechs regelmäßig gesetzten, sehr tiefen Pfostengruben. Bei den zuletzt genannten Bauten handelt es sich um Grubenhütten, die vornehmlich zum Spinnen und Weben, sicher aber auch für andere Arbeiten gedient haben. Ein derartiges Wirtschaftsobjekt wurde während der Herbstkampagne 1976 zur Überprüfung theoretischer Überlegungen zum Aufbau und Aussehen am Grabungsgelände rekonstruiert (Abb. 5).

Abb. 5: Grundgerüst und Dach einer rekonstruierten Wirtschaftshütte am Grabungsgelände in Bernhardsthal, Flur Aulüssen

Das bisher geborgene Fundgut besteht in der Hauptsache aus zerscherbter Keramik. Eine Auswahl davon ist in den beiden Vitrinen des für die Grabung Flur Aulüssen bestimmten Museumsraumes zu sehen (Raum 3, Vitrine 1 und 2).

Die quantitativ größte Gruppe bildet die grob geformte germanische Hauskeramik. Hier überwiegen Töpfe mit S-förmigem Profil, die an der Wand oft Nagelkerben in waagrechter oder senkrechter Anordnung tragen, aber auch Wirrfurchen, Dreiecksverzierungen, Kerben in Fischgrätenanordnung und Schwungbogenköpfe (Abb. 4/5-8).

Die zweite Gruppe stellt die feine dünnwandige germanische Ware aus schwarzem, gut poliertem Ton dar. Hierher gehören vor allem Fußschüsseln, Schalen, Terrinen und einfache Schüsseln. Die feine Ware kann mit Laufrädchendekor, mit senkrechten und schrägen Dellen, Knubben, Zickzackbändern und Schwungbogenköpfen versehen sein.

Im Nahbereich der römischen Reichsgrenze hatte auch importierte scheibengedrehte Keramik eine gewisse Bedeutung. In Niederösterreich stammen derartige Töpfererzeugnisse vor allem aus der Provinz Pannonien: Ringschüsseln, eiförmige Töpfe und Henkelkrüge pannonischer Streifenkeramik, seltener Terra-sigillata-Ware, Faltenbecher und Vorratsgefäße mit gerilltem Mundsaum.

Eine echte Überraschung während der Grabungsarbeiten stellte das Auftreten von Keramik in Latène-Tradition dar: Kammstrichtöpfe (z. B. Abb. 4/4), scheibengedrehte Schüsseln und flaschenförmige Gefäße. Diese Ware beweist das Weiterleben bodenständiger kelto-illyrischer Bevölkerung, doch ist es zur Zeit nicht möglich, Aussagen über das wirtschaftliche Verhältnis beider Bevölkerungsgruppen zu treffen.

An weiteren Gegenständen aus Ton sind ein 1976 gefundenes, leider fragmentiertes Gefäß in Vogelgestalt (Abb. 4/3) zu nennen, besonders aber Spinnwirtel, die als Schwungmasse für Spindeln gedient haben.

Aus Horn wurden vor allem einreihige Kämme gefertigt (Abb. 4/1, 2), auch Fellschaber, einfache Nadeln und Pfriemen. Aus Eisen waren Sporen, Fibeln, vor allem aber verschiedenste Werkzeuge hergestellt. Altere Funde der erwähnten Gattungen sowohl von der Flur Aulüssen als auch von anderen Lokalitäten befinden sich noch im Raum 2, Vitrine 3, linker Teil, unter dem vergrößerten Foto eines Denars des Kaisers Marcus Aurelius (dieser leitete die römischen Gegenaktionen gegen die Markomannen und Quaden teilweise persönlich). Besonders auf die Musterkarte von Gefäßverzierungsvarianten und auf römische Importstücke soll hier noch hingewiesen werden.

Wirtschaftliche Grundlage der Ansiedlung war der Getreideanbau, wie einige Handmühlen aus Stein zeigen, aber auch die Viehzucht, auf die zahlreiche Knochen von Schwein und Rind weisen. Durch die vorbeifließende Thaya wird sicherlich auch dem Fischfang eine gewisse Bedeutung zugekommen sein.

Im Gebiet der KG Bernhardsthal sind noch weitere vier Siedlungen auf Grund von Streuscherben bekannt, die mit dem Gehöft in der Flur Aulüssen gleichzeitig sind: in der Flur Wehrlehen am Südwestufer des ehemaligen Hamelbachverlaufes (Abb. 3, Nr. 15), in derselben Flur im Zwickel Hamelbach und Bernstein-Bundesstraße (Abb. 3, Nr. 16), im Föhrenwald (Abb. 3, Nr. 18) und westlich des Ortes in der Flur Tallüssen (Abb. 3, Nr. 17).

Nach Aufgabe aller dieser Siedlungen im norddanubischen Niederösterreich dürften die Markomannen nur mehr z. T. im Lande verblieben sein; die Siedlungsdichte in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts und im 4. Jahrhundert war nur mehr sehr gering. Aus Bernhardsthal sind aus dieser Zeit bloß einige Gefäßbruchstücke aus der Flur Tallüssen bekannt. Während des 3. und 4. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt germanischer Besiedlung im mittleren Donauraum immer mehr nach Osten, also in die quadisch besiedelte Slowakei. Im Jahre 395 setzten, durch den wachsenden gotischen Druck gezwungen, die Markomannen über die Donau; sie wurden als Föderaten Roms im Wiener Becken angesiedelt. Damit begannen auch für unsere Heimat die Wirren der sogenannten Völkerwanderung, während der verschiedenste germanische Scharen durch das Land zogen. Von diesen sind besonders die Langobarden, die sich im 6. Jahrhundert kurzfristig in unserer Gegend aufhielten (Grab in Hohenau!), zu erwähnen.